Finsteres Mittelalter

Am Martinstag findet in Sursee jeweils der überregional bekannte traditionelle “Gansabhauet“ statt.
Dabei wird versucht, einer toten Gans, welche am Hinterkopf an einem Seil aufgehängt ist, den Kopf abzuschlagen. Meistens beteiligen sich daran junge Männer oder Frauen. Mit verbunden Augen und einer Sonnenmaske, bewaffnet mit einem stumpfen Dragonersäbel soll nun mit einem einzigen Hieb der Kopf vom Hals abgeschlagen werden. Wem das gelingt, dem gebührt Ruhm und Ehre. Als Trophäe dient die tote geköpfte Gans. Rund 3’000 Zuschauer verfolgen diese makabere Tradition auf dem Rathausplatz. Ein Brauchtum dessen Ursprung unklar ist. Es wird jedoch vermutet, dass dieser im Spätmittelalter liegt. Nun erhält dieser mittelalterliche Brauch gar eine Sondermünze! Wir finden das ziemlich verstaubt. Zelebrierte Gewalt an einem Leichnam, ob Mensch oder Tier, gehört sicher nicht zu den Zielen einer nach Humanität strebenden Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

“Wer die Würde der Tiere nicht respektiert, kann sie ihnen nicht nehmen, aber verliert dabei seine eigene.“ Albert Schweitzer

Werbung von Schweiz Tourismus
Artikel “Tier im Foukus”
Sondermünze Ausgabe 2014
Film
Bilder Google

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4 Responses to Finsteres Mittelalter

  1. Ursula Huser sagt:

    Sehr geehrte Frau Leuthert

    Wir danken Ihnen für Ihre Nachricht vom 5. Februar 2014. Gerne nehmen wir Stellung zu Ihren Vorbehalten betreffend die Aufnahme der Gansabhauet in die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz.

    Die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz dient der Veranschaulichung und Vergegenwärtigung von Traditionen aus den Bereichen Musik, Tanz, Theater, Brauchtum, Handwerk, Industrie und Wissen im Umgang mit der Natur, denen in der Schweiz lokal, regional und national besondere Bedeutung zukommt. Die Schweiz hat sich durch die Ratifikation des UNESCO-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes dazu verpflichtet, eine solche Liste der Traditionen auf ihrem Territorium zu erstellen. Aus der Einschreibung in die Liste entstehen keine Rechte, insbesondere nicht auf finanzielle Förderung.

    Die Auswahl der lebendigen Traditionen für die Schweizer Liste erfolgte durch ein breit abgestütztes Gremium von Fachpersonen aus Kultur und Wissenschaft sowie Vertreterinnen und Vertreter der Kantone und des Bundesamtes für Kultur. Bei der Auswahl wurde deutlich, dass es in der Bevölkerung teilweise gegenteilige kulturelle Werthaltungen gibt, die sich zudem über die Jahrzehnte verändern können. Gerade gegenüber älteren Überlieferungen bestehen oft unterschiedliche Ansichten, die gesellschaftlich diskutiert werden und unter Umständen auch Veränderungen einer Tradition bewirken können. Das Gremium hat diese Tatsache berücksichtigt. Zu bedenken ist ferner, dass lebendige Traditionen häufig Ritualcharakter haben. Das heisst, es handelt sich nicht um Praktiken mit weiter Verbreitung, täglicher Wiederholung und direkter Vorbildfunktion für Alltagshandlungen.

    Die bis ins 19. Jahrhundert belegte Gansabhauet ist eine ritualisierte Erinnerung an eine landwirtschaftlich geprägte Vergangenheit und einen historisch bedeutenden Markt des Martinstages, deren Durchführung jeweils öffentlich angekündigt wird und deren Teilnahme freiwillig ist. Das Ritual überliefert die mittelalterliche Wertschätzung von Gänsen. Sie äussert sich heute in der Tatsache, dass die Tiere sorgfältig aufgezogen und gehalten und tiergerecht geschlachtet (also vorgängig betäubt) werden. Die Gänse sind dabei nicht der Fokus einer Belustigung, sondern werden von den Gewinnern des Rituals als Nahrungsmittel für ein Gastmahl verwendet. Das Expertengremium konnte feststellen, dass die Gansabhauet nicht gegen geltendes Recht verstösst und die Gesamtheit der Überlieferung (Sonnenmaske und rotes Gewand, Trommler, umrahmendes Brauchtum wie Spiele und Lichterumzug) von weiten Bevölkerungsteilen von Sursee als gesellschaftlich bedeutsam eingestuft wird. Zuständig für die Durchführung ist jeweils der Stadtarchivar von Sursee.

    Wir hoffen, dass wir mit unseren Ausführungen den Auswahlprozess und die Aufnahme der Gansabhauet in die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz haben erläutern können. Wir möchten Ihnen nochmals danken für Ihr Interesse und für den Diskussionsbeitrag.

    Mit freundlichen Grüssen
    Ursula Huser

  2. Janine Leuthert sagt:

    Wenn umstrittene Traditionen hinterfragt werden, berufen sich die BefürworterInnen meist auf den „kulturellen Wert“. In einem historischen Kontext, also einer Dokumentation über eine solche Tradition kann man durchaus von einem Wert sprechen, wenn auch von einem zweifelhaften im Hinblick auf unsere Vergangenheit.
    Sie schreiben, die „Gansabhauet“ überliefere die „mittelalterliche Wertschätzung von Gänsen“ und „die Gänse sind dabei nicht der Fokus einer Belustigung.“ Diese Aussagen sind aus uns heutiger Sicht schon etwas grotesk wenn man sich die Szene vor Augen führt, die an eine öffentliche Hinrichtung erinnern. Wenn jemandem den Kopf abgeschlagen wird, sei es auch nur in einem Rollenspiel unter Kindern z.B. an Puppen und diese Handlung als Wertschätzung gegenüber dem Opfer bezeichnet wird, dann wird die Frage nach der Wertehaltung nicht nur legitim sondern zwingend. Der ritualisierte Charakter ändert an der dieser Tatsache nichts.
    Unsere westliche Welt ist stolz auf ihren humanitären Fortschritt und die damit verbundenen Errungenschaften. Unser Rechtssystem widerspiegelt die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Umgang mit Gewalt. In Ihrem Dossier steht dazu : „In einem Zeitalter, in dem das Schlachten von Nutztieren aus der alltäglichen Wahrnehmung der Menschen grösstenteils verbannt ist, fällt die Surseer Brauchveranstaltung tatsächlich aus dem Rahmen.“ Statt diesen tatsächlich existierenden Widerspruch weiter zu diskutieren und zu hinterfragen (immer mehr Menschen ernähren sich vegetarisch oder vegan) zieht man daraus eine rückwärts gerichtete Argumentation ins Feld. Dabei zeigt sich ja an den Protesten deutlich, dass die Mehrheit der Menschen diese Form der Gewalt zumindest nicht sehen möchte: „Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch in einem Medienecho, das regelmässig weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Offensichtlich tangiert die Tradition der Gansabhauet einen sensiblen gesellschaftlichen Bereich: Letztlich geht es um die fundamentale Frage nach dem menschlichen Umgang mit dem Tier.“ Genau so ist es. Selbst in Katalonien wurde der von nostalgischen Traditionalisten heftig verteidigte Stierkampf verboten!

  3. Spagnol sagt:

    Unglaublich, dass ein zivilisiertes Land wie die Schweiz archaische Grausamkeit unter dem Mantel von Brauch und Tradition gutheisst!!

  4. Peter Plüss sagt:

    Diese Tradition macht wieder einmal mal bewusst wie tief doch das Niveau sein kann. Ich nehme an das Menschen welche keinen Respekt vor toten Tieren haben auch keinen Respekt vor dem Leben haben.

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