Darf ich wildlebende Vögel füttern?

Dieser Frage geht ein im Kosmos-Verlag erschienenes Buch nach mit dem Titel „Vögel füttern – aber richtig“. Das Buch wurde von einem der zehn weltweit führenden Ornithologen geschrieben, von Prof. Dr. Peter Berthold, bis 2004 Direktor der Vogelwarte Radolfzell und dem Max-Planck Institut für Ornithologie. Es richtet sich an alle Vogelfreunde, welche seit einiger Zeit verunsichert sind, ob man wildlebende Vögel füttern darf oder nicht.

Der Autor ruft – im Gegensatz zu vielen Ratgebern von hiesigen Vogelschutzvereinen – dazu auf, wildlebende Vögel das ganze Jahr zu füttern und bezeichnet dies sogar als unsere “moralische Verpflichtung“. Und er schreibt Klartext: “Über kaum ein Gebiet ist soviel Unwahres, Unsinniges, Unglaubliches und Unhaltbares geschrieben worden wie über die Fütterung wild lebender Vögel. Und Unsachliches wird auch fleissig weitergeschrieben. – alle Jahre wieder, und v.a. im deutschsprachigen Raum, ungeachtet aller wissenschaftlichen Fortschritte in diesem Bereich.“

Gründe für diese Zurückhaltung, Vogelfütterung hierzulande explizit zu empfehlen, sieht er in der Ignoranz der Vielzahl einschlägiger wissenschaftlicher Publikationen zu diesem Thema und in der Konkurrenz um Mittel für Naturschutzzwecke. Das Geld solle nicht zur garteneigenen Vogelfütterung verwendet werden, sondern lieber als Spenden in die Naturschutzvereine fliessen, um dort evt. andere favorisiertere Anliegen zu finanzieren. In England sieht das Ganze etwas anders aus: Dort laufen derzeit 5 spezielle Programme, die sich nur der Fragen zur Fütterung von Wildvögeln widmen. Basierend auf diesen wissenschaftlichen Grundlagen und den daraus resultierenden Erfolgen wie z.B. steigende Brutpopulationen ist dort klar: Vogelfütterung ist ein wertvoller und wichtiger Beitrag zum Artenschutz.

In dem Buch wird mit vielen Vorurteilen aufgeräumt, welche immer wieder zu hören und zu lesen sind wie beispielsweise: Die Winterfütterung sollte erst beginnen, wenn es richtig Winter geworden ist konkret erst bei Abfall der Temperatur auf -5 Grad C, mit anschliessendem Dauerfrost und möglichst noch geschlossener Schneedecke. “Das ist mit die unsinnigste Empfehlung, die man sich im Hinblick auf die Zufütterung denken kann. Sie macht etwa so viel Sinn, als hätte man der Bevölkerung in der Nachkriegszeit empfohlen, sich nach neuen Lebensmitteln erst dann umzusehen, wenn die alten aufgebraucht sind.“ Und weiter:

Um das zu verstehen, muss man sich nur folgendes klar machen: Ein meisengrosser Vogel z.B. mit rund 20 g Körpergewicht verliert in einer Winternacht etwa 2 g, also 10 % seiner Körpermasse, die er “verbrennt“, um seinen Stoffwechsel und die hohe Körpertemperatur trotz guter Isolation durch sein Federkleid aufrecht zu erhalten. Kann er diesen Verlust nicht am nächsten Tag ausgleichen wird er – laut Prof. Berthold – schnell in einen kritischen Ernährungszustand geraten. “Damit ist klar: wenn dem Vogel eine Futterstelle im Winter helfen soll, dann muss er sie kennen lernen können, bevor kritische Winterbedingungen einsetzen, damit er sie dann ohne langes Suchen unverzüglich nutzen kann, und um das sicherzustellen, muss bereits lange vor der eigentlichen Winterperiode mit der Fütterung begonnen werden.“

Über den Mangel an natürlichen Futterquellen liefert der Ornithologe ein eindrückliches wie auch einleuchtendes und notabene einfaches Beispiel:
Angenommen, es stünden 500 m2 für einen naturnahen Garten zur Verfügung und man würde ihn – für eine optimale Ausbeute an Vogelfutter – ganz mit Sonnenblumen bepflanzen Dann ergäbe sich nach den landesüblichen Erträgen (von ca. 25 dt/ha, Statist. Jb. 2007; dt = Dekatonne, entspricht 100 kg) eine Ernte von 125 kg Sonnenblumenkernen. Die landläufigen naturnahen Gärten von ökologischen Muster-Bürgern, die ich kenne, brächten es allerdings auf höchstens 10 kg Sonnenblumenkerne oder etwa 5 kg diverse Wildkräutersamen (was sehr viel ist -man führe einmal in seinem Garten Kontroll-Wägungen durch!). Diese Mengen decken jedoch gerade einmal den Jahresfutterbedarf von etwa drei (!) Grünlingen.“ Trotz dieser kaum bestreitbaren Tatsache würde man immer wieder lesen, dass ein naturnaher Garten die Fütterung ersetzen könne (…). “Das schreiben auch durchaus Biologen, von denen man ökologisches Grundwissen erwarten würde.“ meint Prof. Berthold und bezeichnet solche Vorstellungen als “schlichter Unsinn.“

Einem weiter vielfach zitierten Argument wie: “Bei Fütterung findet keine biologische Auslese mehr statt und so wird Vögeln mit schlechten Erbanlagen eine Fortpflanzung ermöglicht, die natürliche Selektion ist gestört” entgegnet er: “Wenn wir heute durch Zufütterung Vögeln gerade einmal einen Teil des Futters ersetzen, das sie in der freien Natur nicht mehr finden, bleiben dadurch alle normalerweise wirkenden Selektionsverfahren unberührt. Und wenn das an Futterstellen gebotene Futter nicht ganz genau den Erfordernissen der Nahrungsgäste entspricht, kann das ihre Auslese nur erhöhen. Zudem gibt es an gut besuchten Futterplätzen eine erhebliche Auslese durch Prädatoren wie Sperber, Katzen, Raubwürger und andere sowie durch Konkurrenz. Und schliesslich muss man sich klar machen, dass in unserer tausendfach durch menschliche Eingriffe veränderten Umwelt die Beurteilung einer “natürlichen“ Selektion letztlich gar nicht mehr möglich ist.”

Das Buch ist in unserm Shop erhältlich: http://getapet.ch/shop/?195,vogel-futtern-aber-richtig

 

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